Eichenprozessionsspinner außer Kontrolle

Trockenes Frühjahr, warmer Frühsommer: Der Eichenprozessionsspinner hat sich massiv ausgebreitet. Kommunen sehen die Folgen fehlender Prävention.
Gefährliche Brennhaare des Eichenprozessionsspinners: Sie können allergische Reaktionen auslösen. (Foto: Keppler)

Das Auftragsbuch von Amadeus Kugler aus Lüchow-Dannenberg war voll. Der Baumpfleger hat sich seit einigen Jahren auf das Absaugen von Eichenprozessionsspinner-Nestern spezialisiert. Mit Spezialsaugern, ausgestattet mit gefilterten Beuteln für kontaminiertes Material, und unter Vollschutzausrüstung arbeitet er sich durch Alleen, Deichböschungen, Schulhöfe und Privatgrundstücke. Seine Auftraggeber sind Kommunen, Deichverbände und Privatpersonen – ein Kundenstamm, der in diesem Jahr deutlich gewachsen ist.

„An normalen Tagen schaffe ich es, rund 30 Nester abzusaugen", schildert Amadeus Kugler. Die Beseitigung jedes einzelnen dieser Nester ist körperliche Schwerstarbeit. Das Absaugen selbst ist zeitintensiv: Vollschutzanzug anlegen, Gerät positionieren, Nest vollständig erfassen, Material sicher verpacken und fachgerecht entsorgen. Jeder Einsatz folgt einem klar definierten Ablauf. Die Brennhaare des Eichenprozessionsspinners (EPS) behalten auch nach dem Absaugen ihre Wirkung und können bei Hautkontakt oder Einatmen schwere allergische Reaktionen auslösen.

Prävention verpasst

Die Ursache für die außergewöhnliche Ausbreitung in diesem Sommer liegt im Witterungsverlauf. Ein trockenes Frühjahr kombiniert mit einem früh einsetzenden, warmen Frühsommer schafft nahezu optimale Bedingungen für den EPS. Die Raupen entwickeln sich schneller, die Mortalitätsrate durch Witterungseinflüsse sinkt, und die Populationsdichte steigt.

Amadeus Kugler
Im Dauereinsatz: Baumpfleger Amadeus Kugler hat sich in den Sommermonaten auf das Absaugen von EPS-Nestern spezialisiert. (Foto: Keppler)

Hinzu kommt, dass viele Kommunen in den vergangenen Wintern und Frühjahren keine einheitliche Linie zur präventiven Bekämpfung gefunden haben. In Gemeinderäten und Stadtparlamenten verliefen Abstimmungen über den Einsatz von Bioziden wie Foray ES – einem auf dem Bodenbakterium Bacillus thuringiensis var. kurstaki basierenden Mittel – oft ergebnislos oder mündeten in Ablehnungen.

Die Folgen zeigten sich im Sommer 2026: „Völlig außer Kontrolle", „Nester an Wegen und Spielplätzen", „Gefährliche Ignoranz", lauteten einige Schlagzeilen in der Tagespresse. Das war kaum übertrieben. Vielerorts mussten Spielplätze, Schulhöfe sowie Fuß- und Radwege gesperrt, Schulausflüge abgesagt werden. In einigen Kommunen übernahmen Feuerwehren kurzfristig Absaugarbeiten, ohne über die notwendige Ausrüstung oder Schulung zu verfügen. Der reaktive Umgang mit dem Problem erwies sich in vielen Fällen als deutlich aufwendiger und kostspieliger als eine frühzeitige Prävention es gewesen wäre.

Wirkungsvoll, aber aufwendig

Das Absaugen von Nestern ist die Maßnahme der Wahl, wenn eine Bekämpfung im Larvenstadium nicht mehr möglich ist oder bewusst ausgeschlossen wurde. Sie ist wirkungsvoll, aber aufwendig. Dienstleister wie Amadeus Kugler rechnen pro Nest ab; die Kosten variieren je nach Nestgröße, Zugänglichkeit und Anfahrt. In der Praxis bewegen sich die Kosten für eine vollständige Bearbeitung eines Straßenabschnitts mit mehreren Dutzend Nestern schnell im vierstelligen Bereich.

Kugler im Schutzanzug beim Absaugen
Sicher absaugen: Amadeus Kugler arbeitet mit Spezialstaubsaugern, die auch für Asbestsanierungen zugelassen sind. Schutzanzug und Atemschutzmaske gehören ebenfalls zur Ausrüstung. (Foto: Keppler)

Demgegenüber steht die präventive Bekämpfung mit zugelassenen Bioziden im Frühjahr, die im Larvenstadium L1 bis L3 ansetzt. Das Zeitfenster für eine wirksame Behandlung ist eng – in der Regel wenige Wochen zwischen Schlupf und dem Zeitpunkt, ab dem die Raupen ihre Brennhaare ausgebildet haben. Wird dieses Fenster genutzt, lässt sich die Populationsdichte erheblich reduzieren, bevor Nester entstehen. Die Kosten einer solchen Maßnahme liegen nach Angaben kommunaler Bauhöfe und beauftragter Dienstleister deutlich unter denen einer nachträglichen Nestbeseitigung – bei vergleichbarer oder höherer Wirksamkeit auf Flächenebene.

Das Argument, Biozide wie Foray ES seien grundsätzlich abzulehnen, wird von Fachleuten differenziert bewertet. Das Mittel gilt als selektiv wirksam gegenüber Schmetterlingsraupen und ist in Deutschland für den Einsatz gegen den EPS zugelassen. Gleichwohl gibt es kommunalpolitische Widerstände, die sich auf mögliche Auswirkungen auf nicht-Zielorganismen beziehen. Diese Diskussion ist legitim, sie muss aber geführt und entschieden werden – und zwar vor der Saison, nicht während der Eskalation.

Frühzeitig die Weichen stellen

Die Saison 2026 endet, aber die Vorbereitungen für 2027 beginnen jetzt. Kommunen, die im vergangenen Winter und Frühjahr keine Entscheidung getroffen haben, stehen vor denselben Ausgangsbedingungen – es sei denn, sie handeln frühzeitig. Konkret bedeutet das: Bestandsaufnahme der betroffenen Eichenbestände im Gemeindegebiet, Festlegung einer Bekämpfungsstrategie auf Basis der aktuellen Befallssituation und Klärung der rechtlichen sowie haushaltsmäßigen Voraussetzungen für einen Bekämpfungsauftrag.

Nest
Die Nester des Eichenprozessionsspinner: Auch wenn sich die Raupen längst zu Faltern entwickelt haben, bleiben die Brennhaare an den Rückständen wirksam. (Foto: Keppler)

Für Kommunen, die sich gegen den Einsatz von Bioziden entscheiden, ist eine frühzeitige Rahmenvereinbarung mit spezialisierten Dienstleistern für das Absaugen unerlässlich. Kapazitäten sind in einer Hochsaison wie 2026 nicht kurzfristig verfügbar.

Wer im Juni anruft, bekommt im günstigsten Fall einen Termin im Juli – wenn überhaupt. Eine verbindliche Beauftragung für das Folgejahr, idealerweise mit definierten Reaktionszeiten und Einsatzprioritäten, schafft Planungssicherheit auf beiden Seiten.

Darüber hinaus empfiehlt sich eine systematische Kartierung der Befallsschwerpunkte. Eichen an Radwegen, Spielplätzen, Schulen und stark frequentierten Fußwegen sollten mit höchster Priorität behandelt werden. Die Erfassung kann durch Bauhof-Mitarbeiter erfolgen, sofern diese in der sicheren Erkennung von EPS-Nestern geschult sind. Einige Kommunen setzen bereits auf Drohnenbefliegungen zur Nesterfassung, was die Effizienz der Bestandsaufnahme deutlich erhöht und gleichzeitig das Expositionsrisiko für Personal reduziert.

Stephan Keppler,

Redaktion KommunalTechnik